Donnerstag, 17. Dezember 2009

Gibt es eigentlich nur deutsche Touristen?

Ich sitze gerade im Bus von New York nach Boston und wo ich hinhöre, wird deutsch gesprochen. Ich dunkel meinen Bildschirm etwas ab, auf die Gefahr hin, dass irgendwer mitliest. Sie sind überall. Der Typ neben mir pennt zwar schon und ist, so glaub ich zumindest, Amerikaner, aber ich bin mir fast sicher, auch er kann deutsch. Vielleicht ist es die Eintrittskarte um mit einem Greyhound fahren zu dürfen. Vielleicht bucht aber auch nur sonst kaum jemand diese Busse, weil sie eigentlich einen ziemlich miesen Ruf haben. Vielleicht gibt es aber auch nur deutsche Touristen?

Schon bei meinem ersten Besuch in New York hatte ich dasselbe Gefühl: Die ersten Worte die ich zum Beispiel auf der Aussichtsplattform des Empire State Buildings gehört habe, waren original: "Manuela, kommst du bitte von dem Geländer weg?" Mauela, kommst du bitte von dem Geländer weg...? Was ist das den für ein Satz? Nicht nur dass er verdammte Ähnlichkeit mit so glorreichen Sätzen wie "Schakelline, komm von die Regale wech, sonst klatscht's -- aber keinen Beifall" hat, er ist irgendwie auch typisch deutsch. Oder zumindest typisch für das, was andere Kulturen für typisch deutsch halten.

Es war Theodor Fontane, glaub ich, der einmal gesagt hat: Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat haben. Also was habe ich an der "Heimat"? Ist es, dass Eltern in Deutschland ihren Kinder keine schönen Ausblicke gönnen? Bestimmt nicht. Ich glaube das ist ein normaler Elternsatz um zu zeigen, wer die Eltern sind. Es gibt aber noch etwas anderes am alten Fontane: Eben dadurch, dass ich so viele Deutsche treffe, musst ich mir eingestehen, dass ich genau diese Dinge mache, die andere Deutsche in New York wohl auch machen. Es gibt also nicht nur deutsche Touristen, es sei denn man kommt aus Deutschland ;) Und natürlich fällt einem deutsch eher auf, wenn man gerade mitten durch New York läuft.

Dieses Mal hab ich in New York (mit vielen anderen Deutschen ;)) die Weihnachtsstimmung in der Stadt aufgesogen. Es ist schwer vorstellbar, aber die Stadt ist noch beleuchteter um diese Zeit als bei meinem letzten Besuch im Oktober. Kurz zusammengefasst hat New York alles, was man sich an Weihnachtsdeko vorstellen kann und das in der größten und kitschigsten Version. Aber irgendwie passt es zur Stadt und deswegen haben mir gestern und heute sehr gut gefallen. Werd noch ein paar Bilder hier hochladen, sobald ich die Bilder auf meinen Computer übertragen hab, damit ihr ein besseres Bild bekommt.

In Boston will ich mir auf jeden Fall den Freiheitspfad angucken, der 4km lang historische Schauplätze in Boston (meist aus der Bürgerkriegszeit) verbindet. Außerdem will ich nach Harvard. Olga hat mir gesagt, dass ich auf jeden Fall die von Studis organisierte inoffizielle Führung machen soll. Die sei viel witziger. Und leisten könnt ich's mir sicher nicht, aber vielleicht kann man sich ja auch in eine der Vorlesungen schleichen. Ansonsten weiß ich schon, dass ich mir morgen das Massachusetts State Capitol angucken werde. Ist vergleichbar mit einem Landtag. Ein sehr schönes Gebäude.

So ich leg mich noch ein bisschen hin, hab im Jazz on the Park nämlich ein Bett an der Tür erwischt und immer volle Lichtstärke abbekommen, als die letzten der 9 Mitbewohner über die Nacht verteilt ins Zimmer gekommen sind.

Dienstag, 15. Dezember 2009

Liveblog: Baltimore

Ich war gestern in Baltimore, Marylands Hauptstadt. Von Washington aus ist man in einer Stunde da. Hier ist mein Liveblog von der Zugfahrt und dem Aufenthalt:

14:24 - Washington DC kurz vor New Carrolton


Ich bin weg. Im Dorm wurde es mir die Tage über zu unheimlich. Jeder haut ab und abgesehen von ein paar Franzosen (von denen heute wieder einer weggeflogen ist), Matthias, Thilo und Felix sind wirklich alle wieder auf dem Heimweg (oder auf Hawaii oder in Miami, LIEBE GRÜSSE!! ;)). Es erinnert mich ein bisschen an die Tage, an denen ich angekommen bin, nur dass alles plötzlich umgekehrt ist: Waren die Amerikaner die letzten, die auf den Campus kamen, sind sie nun die die ersten wieder gehen. Hab ich mich in den ersten Tagen über verlorene Koffer aufgeregt, bereitet mir jetzt mein ganzer Kram Sorgen, den ich in das neue Apartment schaffen muss. Einzige Parallele zum Anfang: ich bin wieder komplett alleine in unserem Miniraum :(

Deswegen wollte ich mal raus und sitze gerade in der MARC Train nach Baltimore Penn Station. MARC ist etwa so schnell wie ein Regionalexpress - nur mit mehr wunderlichen Menschen drin. Drei Bänke hinter mir schläft jemand schon eine Weile und hat sich komplett zugedeckt hingelegt. Es macht eher den Eindruck, als ob er hier wohnt. Naja, es gibt sicher teurere Hotels: Die Fahrt kostet nur $7. Zwei Reihen vor mir hat vorhin ein Zahnloser neben einer Lady platzgenommen. Er riecht etwas komisch. Ich hab es gemerkt als er vorhin durchs Abteil gewuselt ist. Es war dieser typische Moment, wenn plötzlich jeder aus dem Fenster guckt, eine Hand ins Kinn gelegt, die andere locker aber bestimmt auf die Tasche neben sich. Neben mir wär noch frei gewesen, aber ich glaube er war verwirrt, dass ich ihn angeguckt hab. So hat es die Lady erwischt.

Der Mann ist ausgestiegen und es ist noch etwa eine halbe Stunde bis nach Baltimore. Ich bin ein bisschen später losgekommen als geplant, deswegen hoffe ich, dass ich wenigstens ein paar der Dinge noch schaffe, die ich mir vorher rausgesucht hab: Fort McHenry, Johns Hopkins University, City Hall, den Hafen und vielleicht noch das State Capitol und das National Aquarium. Ich bin gespannt. Meld mich wieder wenn‘s was Neues gibt.


15:34 - Prayer's Place

Papst Johannes Paul II. war wohl 1995 in Baltimore. Jedenfalls ist hier ein „Prayer‘s Place“ für ihn errichtet worden. Es sieht ein bisschen kitschig aus. Eine große Schiefertafel erinnert an seinen Besuch. Die Statue von Johnnes Paul II. sieht aber ganz nett aus. In der halben Stunde, in der ich jetzt hier lang gelaufen bin, hab ich schon viele katholische Kirchen gesehen und gleich mir gegenüber ist eine große weiße Basilika. Ich check zu Hause mal, wie es mit den Glaubensrichtungen hier aussieht.

Hmm, wie‘s wohl zum Rathaus geht? Müsste hier in der Nähe sein.

15:55 - Rathaus

Gefunden - scheint aber nicht viel besucht zu sein. Draußen stehen nur Mitarbeiter des Bürgermeisters, die völlig aus dem Häuschen waren, dass ein Tourist aus Deutschland ihre Stadt besucht. Will, mit dem ich mich eine Weile über das Gebäude selbst unterhalten hab, hat gleich seinen Kollegen Nollie geholt, Leiter der Kommision des Bürgermeisters, die sich für Behinderte einsetzt, weil ich ihn nach dem Weg zu Fort McHenry gefragt hab. Nollie hat gleich erstmal sein Blackberry gezückt und allen gesagt, dass er einen Besucher aus Deutschland neben sich hat, der UNBEDINGT zu Fort McHenry muss. Ein bisschen unangenehm war es mir schon, aber es beschreibt ganz gut die amerikanische Seele. Es braucht gar nicht lang bis man sich anfreundet, dafür hört man nach dem Aufwiedersehensagen selten was voneinander. Seine Karte hab ich trotzdem bekommen. Wer weiß, wenn ich noch mal in Baltimore bin, kenn ich jemanden der für den Bürgermeister arbeitet. Für Touristenkram ist das sicherlich nicht das schlechteste.

Trotz Nollies Anstrengungen werd ich heute aber wohl keine Führung mehr bei Fort McHenry bekommen. Es macht in etwa einer halben Stunde zu. So lang bräuchte allein der Bus. Will hat mir aber den Tipp gegeben einfach auf den Federal Hill raufzuklettern und mir das Fort von da aus anzugucken. Außerdem hätte man einen schönen Blick auf die Stadt.


16:41 - Federal Hill Park

Wow, Will hat nicht zu viel versprochen. Auch wenn manche Gebäude von Baltimore etwas grau und trüb aussehen kann man von hier toll auf den Binnenhafen und die Skyline gucken. Die Sonne steht schon ziemlich tief und die Dämmerung beginnt. Da sehen die Glasfassaden noch mal toller aus. Fort McHenry kann ich nicht sehen. Ehrlich gesagt, weiß ich aber auch gar nicht ganz genau wie es von oben aussehen sollte. Genau wie Fort McHenry ist auch der Federal Hill Schauplatz des Bürgerkriegs gewesen. Mitte des 19. Jahrhunderts hat von hier aus Benjamin F. Butler Baltimore beschossen. Heute stehen hier eine große USA-Flagge und ein Spielplatz.

17:20 - Haarschnitt beim stadtbekannten Friseur

Komm mir gerade etwa so vor wie jemand, der unnütze Tweets schreibt. Normalerweise mach ich kein Drama drum, wenn ich mir die Haare schneide, aber ich blogge gerade aus dem Beatnik Barber Shop, dem beliebtesten und mehrfach ausgezeichneten Haarsalon in Baltimore. Gleich geht‘s los....


18:02 -

Mit neuem Haarschnitt zur Johns Hopkins University ;)


18:34 - Johns Hopkins University

Du meine Güte, können 10 Blocks lang sein...Aber jetzt bin ich endlich da. Etwas erschöpft, aber der Campus sieht echt mal richtig schön aus. Ähnlich wie bei der AU hat man mehrere kleine Gebäude, anstatt für jede Fakultät ein größeres. Ich schreib gerade aus der Bibliothek. Sieht von außen schöner aus als von innen. Vorhin hab ich mal gefragt, wo der berühmte Campus für Medizin ist und er ist wohl in einem ganz anderen Teil Baltimores -- eher im „sketchy part of the city,“ wie eine JHU-Studentin erzählt hat. Ich bin schon ziemlich müde vom Rumlaufen. Ich glaub ich ess noch was und fahr mit dem nächsten Zug.


19:18 -
Im Zug nach Washington. Der Zug sieht besser aus als der vom Hinweg.